Harald Genzmer
„Aber eins ist sehr wichtig: Erst mit der Zeit stellt sich heraus, was in der Literatur und Musik Bestand hat [...] Es bleibt doch nur das Wirkliche übrig. Ob das jetzt in ist oder nicht".
Das Zitat von Harald Genzmer aus dem Jahr 2004 weist auf eine tief wurzelnde Sichtweise hin. Wesentliches seiner inneren Grundhaltung ist vor dem Hintergrund dieses Bekenntnisses zu verstehen. Diese in späten Jahren geäußerte Überzeugung, die zunächst eher distanziert und nüchtern wirkt, bestimmte sein Verhältnis zum Gegenstand und letztlich
zu sich selbst. Sie fällt zusammen mit Genzmers Eigenständigkeit als Komponist und Lehrer gegenüber Zeit- und Modeerscheinungen.
Die Musik als solche, der musikalische Gehalt steht im Zentrum und untrennbar damit verbunden: Der musizierende
und hörende Mensch. Er ist es, der zur maßgeblichen Instanz des Schaffensprozesses wird. Daher wäre es gänzlich irreführend, würde man ableiten, es fehle dem Werkschaffen und der Lehre an Leidenschaftlichkeit, innerer Glut und unmittelbarem Zeitbezug oder es herrsche gar abgeklärte Nüchternheit vor. Das Gegenteil offenbarte sich demjenigen, der Harald Genzmer persönlich kennen lernen durfte, und zeigt sich weiterhin in vitalster Weise in seiner Musik -
dem Interpreten und Hörenden gleichermaßen.
Harald Genzmer entstammt einem Elternhaus, in dem Musik gepflegt wurde. Seine Mutter spielte Klavier, wie Genzmer selbst sagte „in einem liebenswerten Sinn der Hausmusik". Ihn tief beeindruckende Hörimpulse erhielt er in jungen Jahren durch Aufführungen, in denen Werke von Rudi Stephan, Max Reger, Richard Strauss und Paul Hindemith erklangen. Entscheidende Impulse und Orientierung für viele Phasen seiner Entwicklung empfing Genzmer in den Studienjahren durch seine Lehrer. Zu nennen sind hier vor allem der Marburger Universitätsmusikdirektor Hermann Stephani sowie
die an der Berliner Musikhochschule Lehrenden: Curt Sachs, Georg Schünemann und Paul Hindemith. Genzmer studierte bei ihnen von 1928 bis1934. Während die beiden Erstgenannten universelles und interdisziplinäres Denken sowie die Verknüpfung von akademischer Lehre und musikpädagogischer Praxis vermittelten, ist es unzweifelhaft Paul Hindemith gewesen, der nachhaltig prägte und in dessen Windschatten sich Genzmer auf eigenen Wegen entwickeln konnte. Dass die häufig und gleichsam verkürzend gebrauchte Formel „Hindemith-Schüler" unzureichend ist, darauf hat Genzmer noch in
späten Jahren immer wieder mit Nachdruck hingewiesen - und das völlig zu Recht. Jedoch ist trotz aller künstlerischen Eigenständigkeit und beruflichen Weiterentwicklung - man denke nur an die Stationen als Studienleiter an der Breslauer Oper, die Lehrtätigkeiten an der Volksmusikschule in Berlin-Neukölln, an der Freiburger und besonders an der Münchner
Musikhochschule - zu beachten, dass entscheidende Wegmarken im Musikbetrieb der 20er und folgenden Jahre von Hindemith eingeschlagen wurden, die unmittelbar inspirierend auf Genzmer wirkten. Zu denken ist hierbei an das Verwurzeltsein in der abendländischen Musiktradition, den Rückbezug auf Bach und Beethoven und ganz entscheidend:
Das grundsätzliche Festhalten an der Tonalität, zwar einer erweiterten, aber keine Hinwendung zu gänzlich neuen Kompositionsprinzipien, wie denen der Zweiten Wiener Schule um Arnold Schönberg. Auch das zweckgebundene Komponieren, das Schaffen von Werken aus konkretem Anlass sowie das Einbeziehen der musikalischen Jugend- und Laienbewegung im Sinne eines sozialpädagogischen Auftrags gehören dazu. Und nicht zuletzt das Komponieren auch für
ausgefallene Besetzungen; die Stücke mit Trautonium seien stellvertretend genannt.
Vielleicht gibt es kein treffenderes Bild, als in Harald Genzmer einen Künstler zu sehen, für den unablässiges kompositorisches Schaffen eine Lebensnotwendigkeit war. Welch unentwegte Entdeckungslust auf Neues, welch
immense Arbeitskraft war da wirksam - lebenslang bis ins hohe Alter! Im Mittelpunkt steht das Schaffen von Musik - Musik die unmittelbar anspricht, die das Hinreichende für ein großes Publikum hat und trotzdem sehr differenziert ist. Genzmer bekannte: „Das Prinzip Komponieren ist auch ein Dienst am Menschen".
Vorliegende Aufnahmen geben einen Einblick in das facettenreiche und vielschichtige Werk Genzmers. Bedacht sind Orchester-, Kammer-, Klavier- und Chormusik. In zahlreichen Kompositionen zeigt sich die enge Zusammenarbeit mit den Interpreten. Auch wenn bei Genzmer im Werkschaffen wie auch auf dieser Zusammenstellung die Instrumentalmusik die Vokalmusik quantitativ überragt, so bleibt zu hoffen, dass in den nächsten Jahren eine verstärkte musikpraktische und wissenschaftliche Hinwendung zu den Vokalwerken eintritt, denn ohne die Kenntnisse der Vokalmusik bleibt auch die
Instrumentale in weiten Teilen unverstanden.


