Christina Pluhar

„Wo soll ich mit dem Schwärmen anfangen, wo aufhören?", fragt sich der Kritiker des Klassikmagazins „Toccata" und gibt sich bald geschlagen. Nur „staunen und sich freuen" könne man angesichts „überbordender Musizierfreude", gesteht er, das Magazin „Rondo" ist von „mitreißender Ausdrucksgestaltung" begeistert, und die Londoner BBC setzt noch eins drauf: „Auf Rezept", findet deren Kritiker, müsse es diese Musik geben, um damit Depressionen zu kurieren.
Die Rede ist von Christina Pluhar und ihrem Ensemble L'Arpeggiata. Und wer die Lobeshymnen liest, würde zunächst vielleicht nicht auf die Idee kommen, mit welchem Instrument sie solch ungezügelte Begeisterung bei der sonst oft zurückhaltenden Kritikerzunft entfacht. Mit der Harfe nämlich - einem Instrument, dem doch, verbreiteten Klischeevorstellungen zur Folge, etwas eher Braves, Züchtiges anhaftet.
Aber nicht, wenn Christina Pluhar in die Saiten greift - übrigens nicht nur die der Harfe. In Graz geboren, studierte sie zunächst Konzertgitarre, entdeckt ihre Liebe zu Renaissance- und Barockmusik, und wechselt zur Laute. Das barocke Instrument erlernt sie unter anderem bei Hopkinson Smith an der Alte-Musik-Eliteschmiede Schola Cantorum Basiliensis. Und als ob das noch nicht genug Saiten wären, widmet sie sich parallel dazu noch der Barockharfe - renommierte Größen wie Mara Grassi und Andrew Lawrence-King sind ihre Lehrer.
Kein Wunder, dass die inzwischen in Paris lebende Pluhar seit den 90er Jahren eine der gefragtesten Musikerinnen der Alte-Musik-Szene ist. Als Solistin und Continuo-Spielerin arbeitete sie unter anderem mit Orchestern und Kammermusikensembles wie Hesperion XXI, dem Ricercar Consort, den Musiciens du Louvre und Cantus Cölln sowie Dirigenten wie Marc Minkowski, Jordi Savall, René Jacobs und Ivor Bolton zusammen.
Im Jahr 2000 gründete Christina Pluhar ihr eigenes Ensemble. L'Arpeggiata heißt diese zehnköpfige, vor Experimentierfreude und rauschhafter Musizierlust schier überschäumende Truppe, die seitdem das Publikum in Europa, Südamerika und Australien von den Sitzen reißt und einen Schallplattenpreis nach dem anderen einheimst.
Woran das liegt, ahnt man bereits, wenn man sich die Besetzung von L'Arpeggiata ansieht. Neben barocken Instrumenten wie Harfe, Theorbe und Violine findet sich da unter anderem auch ein alpenländisch-folkloristisches Hackbrett oder eine jazzige Klarinette. Denn auch wenn Christina Pluhar das Handwerk der historischen Aufführungspraxis von der Pike auf gelernt hat - starre Grenzen kennt sie für ihr Musizieren nicht.
Das zeigt am besten ihre neue CD „Teatro d'amore", die sie nun als Exklusivkünstlerin bei Virgin Classics veröffentlicht. Zusammen mit Star-Counter Philippe Jaroussky und der spanischen Sopranistin Núria Rial spielt L'Arpeggiata unter ihrer Leitung - ein ungewöhnlicher Streifzug durch die Musik Claudio Monteverdis, der Pluhars intime Kenntnis des frühbarocken Repertoires ebenso zur Geltung bringt wie die Lust an improvisatorischer Freiheit. Lustvoll und neugierig, nie aber aufdringlich oder demonstrativ, werden die Grenzen zwischen Jazz und Barock immer wieder überschritten, fast unmerklich vollzieht sich der Wechsel vom 17. ins 21. Jahrhundert, oft innerhalb weniger Takte. Eine barocke Jam-Session, rauschend, schillernd und verschwenderisch.

